Schultereckgelenksverletzungen (Acromioclavikulargelenksverletzungen)

Das über dem Schulterhauptgelenk liegende Schultereckgelenk, bestehend aus den Gelenkpartnern Schlüsselbein und Schulterdach, wird vor allem im Rahmen von Sportunfällen verletzt. Ursache ist fast immer der direkte seitliche Anprall gegen die Schulter bei anliegendem Arm, meist durch einen Sturz mit dem Fahrrad, beim Ski-/Snowboardfahren oder den Sturz vom Pferd. Nach einem Unfall findet man häufig lokale Prellmarken oder Schürfungen.

Klaviertastenphänomen rechts

Bei einer kompletten Zerreißung des Bandapparates kann bei der körperlichen Untersuchung das meist schmerzhafte “Klaviertastenphänomen“ ausgelöst werden – das nach oben abweichende äußere Ende des Schlüsselbeines kann vom Untersucher wie eine Klaviertaste nach unten gedrückt werden, federt aber beim Nachlassen das Druckes sofort wieder nach oben.

Da das Schultereckgelenk die einzige knöcherne Verbindung des Oberarm-Skelettsystems mit dem restlichen Skelettsystem darstellt, kommt es bei Bandverletzungen zum Absinken der gesamten Schulter durch das Gewicht des Armes bzw. bei höhergradiger Instabilität zu einem Tiefertreten und einer Verdrehung des gesamten Schulterblattes.

Im Rahmen der Diagnostik werden Röntgenaufnahmen des betroffenen Schultereckgelenkes angefertigt. Besteht Anhalt für eine Instabilität, ermöglicht eine Panoramaaufnahme mit einer beidseitigen Belastung von 5 kg den Vergleich mit der Gegenseite.

Röntgen-Panoramaaufnahme beider Schultereckgelenke mit Rockwood-3-Verletzung links (rot)

Die Einteilung der Schweregrade erfolgt nach ihrem Erstbeschreiber Rockwood anhand der Beurteilung der Instabilität in vertikaler und horizontaler Richtung.

Typ 1: radiologisch keine Fehlstellung (Dehnung/Zerrung des Bandapparates)

unauffälliges Schultereckgelenk

Typ 2: geringe Dehiszenz des AC-Gelenkspaltes (Teilriss des Bandapparates)

Typ 3: Versatz der Gelenkpartner um nahezu Schaftbreite (kompletter Riss des Bandapparates)

Schultereckgelenkssprengung III°

Schultereckgelenkssprengung III°
Typ 4: Versatz der Gelenkpartner um mehr als Schaftbreite (Klavikula ist nach hinten disloziert und im Weichteilmantel fixiert)

Typ 5: Tiefstand des Acromions gegenüber der Klavikula um mehr als Schaftbreite (kompletter Bänderriß, zusätzlich Abriss der Muskulatur)

Typ 6: Verletzung wie bei Typ 5, zusätzlich Einklemmung der Clavikula unter dem Rabenschnabelfortsatz (Rarität)

Rockwood-Klassifikation

Die Verletzungstypen I und II werden in der Regel ohne Operation konservativ behandelt. Bei III°-igen Verletzungen hängt die Art der weiteren Versorgung v.a. von den beruflichen und sportlichen Ansprüchen des Patienten ab. Einig ist man sich, daß körperlich schwer arbeitende Menschen, insbesondere mit Überkopftätigkeit, und Überkopfsportler wie Werfer oder Tennisspieler von einer Rekonstruktion der Anatomie mit kongruenter Schultereckgelenksstabilität profitieren. Ab Verletzungsgrad IV° ist eine operative Versorgung dringend erforderlich, da ansonsten eine ausgeprägter Deformität, Beschwerdesymptomatik und Minderung der Belastbarkeit resultieren können.

Operationstechnik

Bei der operativen Vorgehensweise ist zu berücksichtigen, dass nach der Operation das Schulterblatt und damit der gesamte Arm an dem Konstrukt hängt, also eine erhebliche Stabilität erreicht werden muss.
Das von uns verwandte „Double-Tight-Rope-Verfahren“ erlaubt es, die Verletzung über einen kleinen Hautschnitt zu versorgen. Dabei werden zwei starke Fäden durch das Schlüsselbein und den Rabenschnabelfortsatz eingezogen und mit zwei kleinen Metallplättchen gehalten. Der verbliebene Bandapparat wird soweit möglich adaptierend genäht. Darunter gelingt es, die Position des Schlüsselbeins zu stabilisieren, während die Natur ihre Arbeit erledigen und eine stabile Ausheilung des Bandapparates ermöglichen kann.

Double-Tight-Rope
Versorgung einer Schultereckgelenkssprengung

Nachbehandlung

Bei der konservativen Therapie beschränkt man sich auf eine rein symptomatische, schmerzlindernde Therapie. In den ersten Tagen wird der Arm ggf. durch einen Verband am Körper ruhiggestellt, zusätzlich erfolgt eine medikamentöse analgetisch, antiphlogistische Behandlung und Eisanwendungen. Die Beschwerden sind meist in der zweiten bis dritten Woche rückläufig, so dass mit Pendelübungen und Bewegung im tolerierten Bereich begonnen werden kann. Eine Gewichtsbelastung und das Anheben des Armes über 70-90 Grad sollten für 6-8 Wochen unterbleiben und sind ohnehin noch schmerzhaft. Innerhalb von 4-6 Monaten sollten die Patienten weitestgehend beschwerdefrei werden.
Nach operativer Versorgung bevorzugen wir eine Ruhigstellung für 3 Wochen im Gilchrist-Verband. Dessen Abnahme ist lediglich zur Körperpflege und für Pendelübungen erlaubt. Bis zur 8. Woche sollte die Armhebung auf 70°-90° beschränkt sein. Stärkere Belastungen mit Überkopfarbeit oder dem Tragen von schwereren Gegenständen sollten für mindestens 12 Wochen vermieden werden.
Trotzdem können Beschwerden in Form von Schmerz, Bewegungs- oder Krafteinschränkung sowohl nach konservativer als auch nach operativer Therapie in etwa 10 – 20 % aller Fälle verbleiben.

Weitere Informationen